Kapitalismus

In zirka 250 Jahren hat sich der Kapitalismus bzw. die Marktwirtschaft zum weltbeherrschenden Wirtschaftssystem entwickelt. Länder mit sozialistischem oder kommunistischem Anstrich mussten letztlich die Segel streichen, in China hat sich inzwischen ein sogenanntes staatskapitalistisches System entwickelt (d.h. der Staat agiert wie ein gesamtkapitalistisches Unternehmen; gleichzeitig ist er im Ausland kapitalistisch präsent und experimentiert im eigenen Land mit kapitalistischen Einrichtungen)

Der Durchschlaghammer Kapitalismus hat sich also zweifellos als ein erfolgreiches Werkzeug erwiesen. Doch gilt es, bei diesem Resümee einiges zu bedenken.

  • Was heißt erfolgreich? Wenn das Ziel eines Wirtschaftssystems die Versorgung der Menschen mit Wohlstand ist, so hat die Marktwirtschaft jedenfalls keine gute Bilanz aufzuweisen. Gerade einmal 17% der Menschen auf dem Globus leben in Ländern, denen tatsächlicher Wohlstand nachgesagt werden kann. Grob 3% geht es auch in den armen Ländern gut. Indessen: Im Jahr 2021 leidet bereits ein Viertel der Weltbevölkerung unter Mangelernährung, mehr als 10% hungert (im Jahr 2020 waren es 811 Millionen – siehe Fakten zur Lage der Welt)

Diese negative Bilanz für insgesamt 80% der Menschen auf dem Planeten hängt wiederum bedenklich eng mit dem Wohlstand der 20% zusammen, soll heißen: Die Gewinne – und Gewinner – der freien Marktwirtschaft sind nur zu erzielen, wenn sowohl Menschen als auch Ressourcen geschröpft werden. Den Gewinnern stehen die unvermeidlichen Verlierer gegenüber, die eine logische Konsequenz kapitalistischen Wirtschaftens sind. Die wiederum sind vor allem in den von den Industrieländern in ökonomische Abhängigkeit gebrachten Regionen Afrikas, großen Teilen Asiens und in Südamerika zu finden, wo Arbeitskarft mit Billig- und Hungerlöhnen gekauft wird, wo ständig Landnahme und Anbauflächengewinnung erfolgt und der exorbitante Abbau von Bodenschätzen.

  • Nun sollte man denken, dass der Kapitalismus letztlich auch in der armen Welt für Wohlstand sorgen werden und sich dann alles zum Besseren wende … – eine Mär, die gerne und immer wieder von den Kapitalismusbefürwortern und -verteidigern verbreitet wird. Dabei wird jedoch verkannt oder auch schlicht ignoriert, dass – wie eben schon erwähnt – der Verschleiß von Natur und Mensch ein notwendiger Bestandteil des Systems ist. Denn es ist ein ehernes Gesetz des Kapitalismus, aus Geld mehr Geld machen zu müssen. Die Gewinne der untereinander konkurrierenden Unternehmen sind daher die unerbittliche Voraussetzung für wirtschaftliches Wachstum. Diese Gewinne wiederum können nur erzielt werden, wenn die Kosten für Arbeit und Naturressourcen möglichst gering gehalten werden. Die oben genannten Erdregionen bieten durch ihre jeweils von Kolonialherrschaft geprägte Geschichte optimale Voraussetzungen hierfür, eine Geschichte, die überdies einen Bausatz an hervorragend instrumentalisierbaren Vorurteilen hinterließ – wie etwa dem der ‚naturgegebenen Unterlegenheit‘ oder auch ‚Minderwertigkeit‘ der jeweiligen Bevölkerung.

Um es noch einmal klar zu sagen: Wirtschaftliches Wachstum ist die Voraussetzung für die Aufrechterhaltung der Marktwirtschaft. Im Umkehrschluss: Ohne Wachstum kein Kapitalismus.

  • Hat der Kapitalismus denn so wenig Veränderungspotential?

Auf dem alljährlich im Schweizer Davos tagenden Weltwirtschaftsforums (WEF) sagte dessen Mitbegründer Klaus Schwab, und zwar im Jahr 2012: „Der Kapitalismus in seiner heutigen Form ist nicht länger das Wirtschaftsmodell,
das die globalen Probleme lösen kann.“

Gemeint waren mit den ‚globalen Problemen‘ nicht nur die damaligen hausgemachten auf dem Finanzmarkt, sondern auch die der Arbeitslosigkeit, des drastischen Auseinanderklaffens der Einkommensschere, der politischen wie sozialen Instabilität vieler Länder, der weltweit rapide sich verschlechternden Wasser- und Nahrungsmittelversorgung sowie extremer Wetterlagen und dem Versagen der Staaten, dem Klimawandel entgegenzuwirken.

Ob und wie sich Klaus Schwab eine Form von Kapitalismus vorstellte, mittels derer die genannten Probleme zu lösen wären, ist unbekannt. Sollte er der Vision anhängen, es müsse hierzu lediglich an einzelnen Stellschrauben gedreht werden, hätte sich diese bisher jedenfalls als trügerisch erwiesen – nichts dergleichen ist erfolgt. Womöglich fehlt es dabei an der Einsicht in das, was eben den Erfolg des kapitalistischen Wirtschaftssystems westlicher Prägung begründet: Seine Grundregeln kommen entweder vollumfänglich zum Zuge, oder das System als Ganzes ist gefährdet. Letzteres wiederum kann sich keine Nation leisten, wie die sich wiederholenden staatlich-hektischen Rettungen von Finanzmärkten anschaulich belegen.

In den zehn Jahren seit dem WEF 2012 hat sich folgerichtig weder etwas am Kapitalismus geändert noch an den Problemen – im Gegenteil! Der Global Risk Report von 2021 ist erschütternd, ebenso der WWF-LivingPlanetReport und die Befunde des Weltbiodiversitätsrats. Die aktuellen Berichte über die Verteilung des Reichtums (Suisse Credit und Oxfam) ersticken zudem jede Hoffnung, es könne auch nur ansatzweise an der Ungleichverteilung gerüttelt werden. Im Gegenteil: Die weltweite Armut ist im Zuge der Corona-Pandemie noch einmal drastisch gestiegen, während sich gleichzeitig das Vermögen der Reichsten in einem Ausmaß und einer Geschwindigkeit vermehrt hat, die laut Oxfam beispiellos in der Geschichte ist (siehe Fakten zur Lage der Welt).

Es steht folglich die begründete Vermutung im Raum, dass es der Kapitalismus nicht richten kann. Er nicht in der Lage ist, dafür zu sorgen, dass es einen tatsächlichen Wohlstand gibt im Sinne eines Basiswohlstands für alle. Eher scheint das Gegenteil der Fall zu sein: Durch Raubbau, durch eine sich verschärfende Konkurrenz zwischen Unternehmen und zwischen den Nationen, und nicht zuletzt durch die gleichzeitige Überflussproduktion – auch sie eine logische Konsequenz – und die mit ihr einhergehende Vernutzung und Belastung der Umwelt verschärfen sich die Probleme, und zwar von Tag zu Tag.

Über andere Modelle der Organisation von Ökonomie und Gesellschaft nachzudenken liegt also auf der Hand.

Genau dies will Globale Alternative.

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