Kapitalismus

In zirka 250 Jahren hat sich der Kapitalismus bzw. die Marktwirtschaft zum weltbeherrschenden Wirtschaftssystem entwickelt. Länder mit sozialistischem oder kommunistischem Anstrich mussten letztlich die Segel streichen, in China hat sich inzwischen ein sogenanntes staatskapitalistisches System entwickelt (d.h. der Staat agiert wie ein gesamtkapitalistisches Unternehmen, ist im Ausland kapitalistisch präsent und experimentiert im eigenen Land mit kapitalistischen Einrichtungen).

Der Durchschlaghammer Kapitalismus hat sich also zweifellos als ein erfolgreiches Werkzeug erwiesen. Doch gilt es, bei diesem Resümee einiges zu bedenken.

  1. Was heißt erfolgreich? Wenn das Ziel eines Wirtschaftssystems die Versorgung der Menschen mit Wohlstand ist, so hat die Marktwirtschaft jedenfalls keine gute Bilanz aufzuweisen. Gerade einmal 17% der Menschen auf dem Globus leben in Ländern, denen tatsächlicher Wohlstand nachgesagt werden kann. Grob 3% geht es auch in den armen Ländern gut. Indessen: 70% der Weltbevölkerung darbt. Und mehr als 10% hungert! – das sind 800 Millionen Menschen.
  2. Diese negative Bilanz für insgesamt 80% der Menschen auf dem Planeten hängt wiederum bedenklich eng mit dem Wohlstand der 20% zusammen, soll heißen: Die Gewinne – und Gewinner – der freien Marktwirtschaft sind nur zu erzielen, wenn sowohl Menschen als auch Ressourcen geschröpft werden. Den Gewinnern stehen die unvermeidlichen Verlierer gegenüber, die eine logische Konsequenz kapitalistischen Wirtschaftens sind. Die wiederum sind vor allem in den von den kapitalistischen Ländern in Abhängigkeit gebrachten Regionen Afrikas, großen Teilen Asiens und in Südamerika zu finden, wo Arbeitskraft mit Billig- bis Hungerlöhnen gekauft wird, wo ständig Landnahme und Anbauflächengewinnung erfolgen und der exorbitante Abbau von Bodenschätzen.
  3. Nun sollte man denken, dass dem halt entgegengewirkt werden müsse. Dass der Kapitalismus letztlich auch in der armen Welt Einzug halten und dann alles gut werde … Dabei wird jedoch verkannt oder auch schlicht ignoriert, dass – wie eben schon erwähnt – dieser Verschleiß von Natur und Mensch ein notwendiger Bestandteil des Systems ist. Denn es ist ein ehernes Gesetz des Kapitalismus, dass aus Geld mehr Geld gemacht werden muss. Die Gewinne der untereinander konkurrierenden Unternehmen sind daher die unerbittliche Voraussetzung für wirtschaftliches Wachstum. Diese Gewinne wiederum können nur erzielt werden, wenn die Kosten für Arbeit und Naturressourcen möglichst gering gehalten werden. Um es noch einmal klar zu sagen: Wirtschaftliches Wachstum ist die Voraussetzung für die Aufrechterhaltung der Marktwirtschaft. Im Umkehrschluss: Ohne Wachstum kein Kapitalismus
  4. Hat der Kapitalismus denn so wenig Veränderungspotential? Auf dem alljährlich im Schweizer Davos tagenden Weltwirtschaftsforums (WEF) sagte dessen Mitbegründer Klaus Schwab, und zwar im Jahr 2012:„Der Kapitalismus in seiner heutigen Form ist nicht länger das Wirtschaftsmodell, das die globalen Probleme lösen kann.“ Gemeint waren mit den ‚globalen Problemen‘ nicht nur die damaligen hausgemachten auf dem Finanzmarkt, sondern auch die der Arbeitslosigkeit, des drastischen Auseinanderklaffens der Einkommensschere, der politischen wie sozialen Instabilität vieler Länder, der weltweit rapide sich verschlechternden Wasser- und Nahrungsmittelversorgung sowie extremer Wetterlagen und dem Versagen der Staaten, dem Klimawandel entgegenzuwirken.

Ob und wie sich Klaus Schwab eine Form von Kapitalismus vorstellte, mittels derer die genannten Probleme zu lösen wären, ist unbekannt. Die Vision, es müsse hierzu lediglich an einzelnen Stellschrauben gedreht werden, hätte sich bisher jedenfalls als trügerisch erwiesen – nichts dergleichen ist erfolgt. Womöglich fehlt es dabei an der Einsicht in das, was eben den Erfolg des kapitalistischen Wirtschaftssystems westlicher Prägung begründet: Seine Grundregeln kommen entweder vollumfänglich zum Zuge, oder das System als Ganzes ist gefährdet. Letzteres wiederum kann sich keine Nation leisten, wie die sich wiederholenden staatlich-hektischen Rettungen von Finanzmärkten anschaulich belegen.

In den sieben Jahren seit dem WEF 2012 hat sich folgerichtig weder etwas am Kapitalismus geändert noch an den Problemen – im Gegenteil! Der Global Risk Report von 2019 ist erschütternd, ebenso der WWF-LivingPlanetReport und die Befunde des Weltbiodiversitätsrats. Die aktuellen Berichte über die Verteilung des Reichtums (Suisse Credit und Oxfam) ersticken zudem jede Hoffnung, es könne auch nur an ansatzweise an der Ungleichverteilung gerüttelt werden (siehe dazu auch ‚Daten und Fakten‘).

Es steht folglich die begründete Vermutung im Raum, dass es der Kapitalismus nicht richten kann. Er nicht in der Lage ist, dafür zu sorgen, dass es Wohlstand, ja nicht einmal Basiswohlstand, für alle gibt. Eher scheint das Gegenteil der Fall zu sein: Durch Raubbau, durch eine sich verschärfende Konkurrenz zwischen Unternehmen und zwischen den Nationen, und nicht zuletzt durch die gleichzeitige Überflussproduktion – auch sie eine logische Konsequenz – und die mit ihr einhergehende Vernutzung und Belastung der Umwelt verschärfen sich die Probleme, und zwar von Tag zu Tag.

Über andere Möglichkeiten nachzudenken, liegt also auf der Hand.

Nichts Anderes will Globale Alternative.