Den Wandel denken

In dem anvisierten Computerspiel Globale Alternative wird der Komplexität der derzeitigen großen Gesellschaftssysteme eine relativ einfache Ordnung gegenübergestellt (siehe Die 12 Spielregeln und Pool-Ökonomie). Indessen: Was vermag eine solche Neuordnung zu bewirken? Lassen sich mittels ihrer die enormen Probleme, denen sich die Menschheit und mit ihr alles Leben auf dem Planeten gegenübersehen, erfolgreich angehen und bewältigen? Welche konkreten Konsequenzen hätte eine solche Neuordnung? Das Ziel von Globale Alternative ist es, dies herauszufinden und darüber hinaus, ob die dabei entstehende globale Gesellschaft nicht nur eine funktionierende wäre, sondern auch eine erstrebenswerte. Der Blick geht also nach vorne.

In den ‚Den Wandel denken‘ passiert etwas anderes. Das Essay will den Brückenschlag von der kapitalistisch organisierten Gegenwart in die pool-ökonomisch organisierte Gesellschaft in Globale Alternative unternehmen und damit die qualitativen Unterschiede zwischen Alt und Neu logisch erfassen. Es geht darin also sowohl um die Art und Weise, wie das Leben derzeit nahezu überall auf diesem Planeten organisiert ist, als auch darum, eben diese Organisation in Kontrast zu setzen zu den absehbaren Konsequenzen einer Neuregelung, wie sie in Globale Alternative angestrebt wird. Weshalb es vorteilhaft ist, die oben genannten Menüpunkte zuerst gelesen zu haben, da sich andernfalls der Wandel nicht nachvollziehen lässt.

In ‚Den Wandel denken‘ wird also auch ein Anlauf genommen, sich von einigen der geläufigen Denkgewohnheiten schon mal probehalber zu distanzieren und sich vorzutasten in das höchst interessante Spektrum an konkreten Möglichkeiten, das sich auch hierdurch eröffnet.

Noch einmal zur Vergegenwärtigung: Ökonomie und Staat sind die beiden machtvollen Elemente, die unser aller Leben strukturieren. In dem Spiel ‚Globale Alternative‘ wird eine Ökonomie vorgestellt, die sich emanzipiert hat von sämtlichen bisherigen und aktuellen Wirtschaftssystemen und Staatsformen. Sie ist auf eine Weise eingerichtet, die ein globales Zusammenarbeiten ermöglichen kann, und zwar auf der Grundlage sich autonom organisierender Gemeinschaften. Zentrales Hilfsmittel der Organisation ist eine IT, die ausschließlich auf den Nutzen und die Bedürfnisse der global vernetzten Allmenden und ihrer Mitglieder ausgerichtet ist sowie deren Einbettung in Natur und Abhängigkeit von begrenzten Ressourcen.

In dieser neuen globalen Verfasstheit wird also vieles, das bis dahin den – zumeist leidvollen – Verlauf der Geschichte bestimmte, überwunden und ersetzt. 

So können nicht nur Geld und Eigentum (im Gegensatz zum Besitz1) als kapitalgenerierende Elemente abgeschafft werden, sondern auch der Status der Länder2 als Staaten und Nationen, womit es folglich keine Landesgrenzen mehr gibt. Hiermit entfällt die Notwendigkeit von deren Verteidigung ebenso wie das Motiv geostrategischer Vorteilssuche – zwei Gründe, die in unserer Realität auch derzeit wieder zu massiven Verwerfungen und einer in- wie extensiven Aufrüstung weltweit führen. Im Verbund mit schwindenden natürlichen Ressourcen, den Klimawandelfolgen und dem Einsatz von Künstlicher Intelligenz in der militärischen Gefahrenerkennung steigt die Wahrscheinlichkeit eskalierender militärischer Auseinandersetzungen noch einmal erheblich – ein Umstand, der sich gemeinhin dem Alltagsbewusstsein entzieht, real aber eine stetig wachsende Bedrohung für unser aller Leben darstellt.3

Mit der Neuorganisation in Globale Alternative werden indessen nicht nur die Gründe für Kriege und Konflikte dauerhaft beseitigt. Hinzu kommt, dass mit dem Wegfall militärischer Einrichtungen auch deren erheblicher Beitrag zur terrestrischen Klima- und Bio-Krise unterbleibt. Neuesten und sehr vorsichtigen Schätzungen sind die weltweit aufrechterhaltenen und mit immer ausgefeilteren Waffensystemen ausgestatteten militärischen Einrichtungen sowie die fortwährend militärisch ausgetragenen Konflikte auf dem Planeten für mindestens 27 % der Zerstörung auf ihm verantwortlich. 

Dies als ersten Vorgeschmack auf das, was eine Neuordnung zu bewirken vermag.

Wenden wir uns im Folgenden nun vor allem den ersten beiden Spielregeln zu, die von grundlegender Bedeutung sind und kurzgefasst besagen, dass in der globalen Neuregelung Geld und Eigentum nicht mehr vorgesehen sind.

Warum?

Wiewohl es in einem Essay wie diesem nicht möglich ist, die Analyse der Art und Weise, wie die Geldwirtschaft funktioniert, auch nur annähernd befriedigend darzulegen, seien doch zumindest einige einleuchtende Eigenschaften des Geldes und seiner Folgen dargelegt.

So lässt sich relativ einfach vergegenwärtigen, dass die nützlichen Güter und Dienste, die in einer Gesellschaft hergestellt und angeboten werden und die wir hier kurz als ‚Gebrauchswerte‘ bezeichnen, stets als käufliche Ware zustande gebracht werden. Sie werden also ausschließlich für den Nutzen und Gebrauch anderer produziert, ganz gleich, ob es sich um dabei um ein T-Shirt, eine Handwerkerleistung oder eine Theateraufführung handelt. Die an der Ware Interessierten haben indessen so lange keinen Zugang zu ihr, bis sie dafür Geld zahlen. Es wird also nicht produziert, um Nützliches und Schönes schlicht verfügbar zu machen und damit Bedürfnisse zu stillen, sondern im Gegenteil heißt es: „Hier ist das Produkt, aber du kriegst es nicht, solange du nicht dein Portemonnaie dafür öffnest bzw. dein Konto dafür belastest.“

Oder wie es einmal so schön formuliert wurde:

Geld vermittelt zwischen Privatpersonen, die einander brauchen und füreinander schaffen und zugleich einander vorenthalten, was sie voneinander brauchen und füreinander schaffen.4

Das Geld steht also zwischen Produzent und demjenigen, der das Produkt haben möchte, es schließt beide voneinander aus. Beide müssen daher erst einmal miteinander ‚ins Geschäft‘ kommen, um den ‚Tausch‘ zu ermöglichen. Es ist somit ein gegensätzliches Verhältnis, dass sich allerdings erst bei näherer Betrachtung erschließt, wiewohl es doch ein fester Bestandteil unseres alltäglichen Lebens ist. Und es ist zudem eines, das zutiefst und machtvoll durchreguliert ist. Der Staat als höchste Verfügungsgewalt sorgt dafür, und zwar per Gesetz. Paragrafen schreiben fest, dass und wie alle Elemente des gesellschaftlichen Reichtums als Eigentum zu betrachten sind. Dass sie damit auch Objekte exklusiver Verfügungsmacht sind, erschließt sich ebenfalls erst auf den zweiten Blick. Steht das nötige Geld zur Verfügung, bedeutet dies den staatlich garantierten Zugriff auf ein Produkt, steht es nicht zur Verfügung, bedeutet dies den ebenfalls staatlich garantierten Ausschluss davon …

Hinter dem Geldwert steht ein hoheitliches Machtwort, dass den künstlichen Stoff ‚Geld‘ kraft staatlicher Anordnung als realen Vermittlungsstoff zwischen den Menschen auftreten lässt, genauer betrachtet diese aber voneinander trennt.

Eine der Konsequenzen ist, dass die Menschen in der Realität unserer heutigen Gesellschaften alle Einrichtungen und auch alle anderen Menschen als zu kalkulierende Voraussetzungen für ihr eigenes Fortkommen betrachten (müssen). Das Konkurrieren, Ausschließen und Ausbooten sind unabdingbare Eigenschaften des marktwirtschaftlich organisierten Gesellschaftssystems.

Wie hoch der gesellschaftliche Preis dafür ist, ist kaum bekannt und selten ein Thema. Wenn Psychologen und Mediziner einen Blick etwa auf die Schattenseiten des Arbeitsalltages werfen, so thematisieren sie dessen Ursachen höchst selten. So wird der Verschleiß von geistigen, psychischen und körperlichen Ressourcen und nicht zuletzt auch die Belastung oder auch Zerstörung des Miteinanders in der Regel als selbstverständlich hingenommen. Sie sind der notwendige und unabänderliche Tribut an das marktwirtschaftliche Treiben. Treten störende Probleme beim Einzelnen auf, werden in der Regel zwei Herangehensweisen favorisiert: zum einen die Selbstdiagnose, die darauf abzielt, das Problem in den eigenen Schwächen und Unzulänglichkeiten zu suchen, zum anderen das Sichergeben in den medizinischen und psychologischen Reparaturbetrieb.

In der von Globale Alternative angelegten neuen Ökonomie könnte das Konkurrieren schnell zu einer Übung werden, die sich als überflüssig, wenn nicht als kontraproduktiv erweist. Weder muss hier auf einem Wirtschafts- oder Finanzmarkt noch auf einem Arbeitsmarkt oder am Arbeitsplatz gegeneinander angetreten werden. Im Gegenteil: Die Herstellung von Gebrauchswerten aller Art erfolgt auf der Basis von Kooperation, Informationsaustausch, Autonomie und Kreativität, denn es geht lediglich darum, einen nützlichen Beitrag füreinander und zum Globalen Pool zu erbringen. Denkbar wäre eventuell ein freundlicher weltweiter Wettbewerb um die Entwicklung von Produkten, die sich als besonders nachhaltig und zugleich nutzerfreundlich erweisen. Verlierer gäbe es dabei indessen nicht.

Aber leidet die Produktivität denn nicht darunter, wenn das Konkurrieren um Geld, um Einkünfte und die Stellung in einer gesellschaftlichen Hierarchie keine Rolle mehr spielen? Überhaupt: Ist Geld – ganz unabhängig von seinen sonstigen Eigenschaften – nicht doch so etwas wie die DNA unserer Gesellschaften? Ist es nicht schlechthin DAS Mittel der Organisation von Produktion, Distribution und sogar des gesamten gesellschaftlichen Miteinanders? Und vor allem: sind die monetären Prämien, die Gewinnmargen und die Verheißungen des Konsums denn nicht absolute Voraussetzung für Innovation, Expertenwissen, Kompetenz und persönlichen Einsatz?

Nun, über einen Zeitraum von rund 6 Millionen Jahre Menschheitsentwicklung und zirka 500.000 Jahre zivilisatorischer Entwicklung hinweg haben sie jedenfalls keine Rolle gespielt, und es gibt auch jetzt keinen Grund, anzunehmen, dass sie die einzig mögliche Form der Organisation all dessen sind, was für ein gutes Leben vonnöten ist. Im Gegenteil: Das menschliche Miteinander wurde vor allem im Kapitalismus zutiefst gestört, entfremdet und bedrängt. Auch ist der von seinen Befürwortern in Aussicht gestellte ‘Wohlstand für alle’ ausgeblieben. Über 80 Prozent der Menschheit ist arm, Tendenz steigend, und ein Gutteil davon fristet sein Dasein unter katastrophalen Lebensbedingungen (siehe Daten und Fakten). Zusammen mit den sonstigen Folgen für Natur und Klima bildet dieser weltweite Trend zu Armut,  Arbeitslosigkeit und moderner Versklavung sowie die extreme Konzentration von Reichtum, Einfluss und Verfügungsmacht in den Händen weniger die neueste Spitze dessen ab, was Kapitalismus zu leisten vermag. Nur ein sofortiges und umfassendes Umsteuern könne, so heißt es, daran noch etwas ändern. Doch gerade das kapitalistische Wirtschaften erweist sich als schwerfällige Lokomotive, die jeder Bemühung, rettende Maßnahmen zu ergreifen, in stoischer Fahrt widersteht. Von der vielgepriesenen Flexibilität – „Der Markt wird es schon regeln“ – ist jedenfalls weder etwas zu spüren noch zu erhoffen.

Im Gegenteil: Der global zu betreibende Aufwand zur Aufrechterhaltung der kapitalistischen Marktwirtschaft ist immens, und er ist nicht zu stoppen. Um das Rad der Produktion und des Umschlags von Waren und Finanzströmen am Laufen zu halten, MUSS ständig mehr Energie produziert, MUSS die Natur geschröpft und vernutzt werden und MÜSSEN üppige Staatsapparate aufrechterhalten werden, deren Aufgabe es ist, Wirtschaft und Politik am Laufen zu halten und ansonsten ihr jeweiliges nationales Getriebe nach innen wie nach außen abzusichern (über die Absicherung nach außen wurde schon gesprochen).

So versteht es sich von selbst, dass jeder einzelne Staat, ganz gleich wie gut oder schlecht ihm das gelingt, ein Finanzwesen und Finanzpolitik betreiben muss. Ihm zur Verfügung stehen dabei das Recht als legitime Gewalt, mit dem er für den Schutz von Person, Eigentum und Finanzflüssen sorgen kann ebenso wie für seine eigenen Einnahmen (etwa durch Steuern).

Und auch dies ist mit einem nicht unerheblichen Aufwand verbunden. Allein der rechtliche Schutz des Eigentums als Grundlage für das Geldwesen nimmt einen beträchtlichen Raum ein. So beschäftigen sich mehr als 90% aller Gerichtsverfahren mit Betrug, Diebstahl, dem Erschleichen von Leistungen, Wirtschaftskriminalität, Streitigkeiten im Zusammenhang mit Geld und Eigentum sowie Gewaltkriminalität im Zusammenhang mit Bereicherung.

Nebenbei erwähnt: Dass der international-mafiös organisierte Drogen- und Waffenschmuggel, Menschenhandel und -versklavung, Darknet und einige andere widerwärtige Einnahmequellen selten vor Gericht landen, gibt zu denken. Rütteln diese Formen der Kriminalität etwa zu wenig an den Interessen der Staaten? Fakt ist, dass sie nicht als direkte Angriffe auf das Staatswesen gewertet werden und schon gar nicht kapitalistischen Belangen entgegenwirken. Da es sich um international agierende Organisationen handelt, fallen zudem die von Land zu Land unterschiedlichen Interessen und Verflechtungen ins Gewicht.

Wie dem auch sei, für die direkte Absicherung des Eigentums und der Finanzströme sind in Europa jedenfalls Polizei, Kripo, Zoll und Interpol zuständig. Sie erfüllen Aufgaben, die, wie die Justiz auch, dem Öffentlichen Dienst zufallen. 

In Deutschland sind ca. 11% aller Beschäftigten im Öffentlichen Dienst tätig, und etwa ein Drittel hat in den erwähnten Betätigungsfeldern zu tun. Grob unterteilt, nehmen das Militär und die Bahn ein weiteres Drittel ein und der größte Teil des verbleibenden Drittels ist mit Unterricht, Wissenschaft, medizinischen Einrichtungen, der Betreuung von Kindern, ‚Auswärtigen Angelegenheiten‘ etc. beschäftigt. Inwiefern auch bei ihnen Arbeitskraft gebunden wird, die letztlich mit dem Intakthalten des Finanzwesens zu tun hat, lässt sich schwerlich eruieren.

Zurück zur o.g. Kriminalität: Gibt es mit ihr nichts mehr zu verdienen, wie dies in der poolorganisierten Gesellschaft der Fall ist, wird ihr der gesamte Nährboden entzogen. Dies wäre dann auch das Ende des Handels mit Drogen und Waffen, mit erzwungenem Sex und was es sonst noch so an Widerwärtigkeiten gibt, mit denen sich direkt oder per Erpressung Geld machen lässt.

Das heißt nicht, dass es in einer Poolgesellschaft keine Kriminalität mehr gäbe. Zwar würden die meisten der derzeitig vorherrschenden Gründe für Vergehen und Verbrechen entfallen und das gesellschaftliche Miteinander wäre insgesamt ein ausgewogeneres, aber es wäre unrealistisch davon auszugehen, dass auch solche wie die aus Feindschaft, Missgunst, Eifersucht und Triebgründen völlig verschwänden.

Da das Lebenselixier des Geldsystems die Zirkulation seines ‚Stoffes‘ (etwas exakter: seines abstrakten Tauschäquivalents) und dessen ‚Wachstum‘ ist, müssen sich Heerscharen von Menschen allein darum kümmern, dass Geld registriert, administriert, abgesichert, verliehen, investiert und vermehrt wird.5 Dazu gibt es Banker, Versicherer, Steuerberater, Buchhalter, EDVler, Finanzmanager, Börsianer, Juristen, Wirtschaftsprüfer, Finanzamt-Angestellte, Wirtschaftswissenschaftler, Dienst- und Wachberufe  etc. etc. bis hin zum Kassenpersonal … – alles Berufe, die einzig dem Geldwesen geschuldet sind und in denen weder etwas produziert, transportiert, repariert noch instandgehalten wird (die Liste ließe sich freilich noch lange fortführen).

Doch sind wir damit noch nicht am Ende einer Spirale angelangt, die sich tatsächlich einzig um das Geldwesen dreht und eine Unmenge von Tätigkeiten in die Welt schleudert, die an sich nutzlos sind. Sich an denen gedanklich entlanghangelnd, fällt dann nämlich auch auf, dass zu ihrer Ausstattung und Ausübung noch ganz andere Berufe gefordert sind – und zwar solche, die durchaus Nützliches liefern, ihre Kapazitäten aber nun in den Dienst des Nutzlosen stellen. So müssen die Nutzlostätigkeiten in Gebäude gehüllt (bei Banken und Versicherungen in besonders extravagante) und mit Möbeln und Elektrotechnik ausgestattet werden, Informatiker und IT-Ingenieure entwickeln massenweise spezielle Soft- und Hardware für sie, es muss gepflegt und geputzt und versorgt werden und es muss für Mobilität gesorgt werden, und das nicht zu knapp! Außerdem hat es die eine oder andere der Geldbranchen nötig, ihre Dienste zu bewerben, und so kommt die Werbebranche auch noch ins Spiel, die im Verschleiß von Arbeits- und sonstigen Ressourcen ohnehin in den ersten Reihen anzutreffen ist.

Wieviel Arbeitszeit und -kraft werden also durch all diese dem Geldwesen geschuldeten staatlichen wie marktwirtschaftlichen Tätigkeiten gebunden, wie viele Ressourcen für etwas verbraucht, das – wider alle volkswirtschaftlichen Mythen – tatsächlich NICHT gebraucht wird, um die Bedürfnisse der Menschen an materiellen Gütern, an Hilfsleistungen und kulturellen Erzeugnissen zu befriedigen? Die NICHT gebraucht werden, um Lebensqualität zu erzeugen?

Vorsichtige Schätzungen gehen davon aus, dass der Verbrauch von 65 % der gesamtgesellschaftlichen Arbeitskraft direkt oder indirekt dem Geldwesen geschuldet ist und nur 35 % in die Produktion von Gebrauchswerten fließt.

In einer nach den Regeln der Pool-Ökonomie organisierten Gesellschaft fließt sämtliche Arbeitskraft in die Produktion von Gebrauchswerten. Befreit von einem Schwall non Nutzlostätigkeiten, steht daher zu erwarten, dass die Wochenarbeitszeit eines Erwachsenen nur mehr maximal 12 Stunden beträgt (wie es sich genau verhält, wird in Globale Alternative ermittelt werden können). Zum Vergleich: Vollzeiterwerbstätige in Deutschland arbeiten im Schnitt 41 Wochenstunden. Es gibt indessen – unabhängig von etwaig wütenden Pandemien – einen wachsenden Arbeitsmarktsektor mit befristeten Arbeitsverhältnissen und sogenannten Minijobs (geringfügig entlohnt Beschäftigten). Beide sind mitnichten dem privaten Bedürfnis nach mehr Freizeit geschuldet, sondern zuvorderst der Not auf dem Arbeitsmarkt. Der hat in den vergangenen 50 Jahren zunehmend atypische Arbeitsverhältnisse geschaffen, etwa in Form von Leiharbeit, Mini- und Teilzeitjobs, die zwar dem kapitalistischen Interesse an einer maximal flexibilisierten Arbeitswelt mit minimalen Verbindlichkeiten gegenüber Arbeitnehmern entgegenkommt, viele Lohnabhängige aber dazu zwingt, mehreren Jobs nachzugehen und die mehr als 41 Stunden zu arbeiten. Die Lohnabhängigen sollen möglichst schnell auf sich verändernde Arbeitssituationen reagieren, beruflich und geographisch mobil sein, lebenslang neue Fachkenntnisse erwerben, stets einsatzbereit sein und nicht an festen Arbeitsplätzen kleben. Und so werden sie zunehmend abgespeist mit befristeten Verträgen, Billigjobs und schlechten Beschäftigungsbedingungen.

Nach diesen Ausführungen liegt es nahe, überhaupt mal einen Blick auf den  Begriff der Arbeit im kapitalistischen Gefüge der Industriestaaten zu werfen. Arbeit wird hier als produktive, nützliche Tätigkeit verstanden; für den Erwerbstätigen ist sie indessen zuvorderst ein Mittel, um Geld zu verdienen. Die Quantität des verdienten Geldes bestimmt nicht nur die Möglichkeiten der Existenzgestaltung6, sondern auch die Fremd- und Selbstwahrnehmung der Menschen7. Beides wirkt sich auf die psychische Verfasstheit der/des Einzelnen aus und schafft eine Hierarchie jenseits der sozialen Schichten. 

Arbeit, so wie sie im Kapitalismus ‚vergeben‘ wird, bedeutet auch, dass stets GEGEN die Interessen und Bedürfnisse anderer angetreten werden muss, ganz gleich, ob dies auf dem Kapitalmarkt, dem Arbeitsmarkt oder im Arbeitsalltag geschieht. Interessanterweise wird diese allgemeine Tatsache vom Einzelnen sehr viel weniger wahrgenommen als die Konkurrenz, der er sich selbst ausgesetzt sieht. Die Angst um den Job ist weltweit zum ständigen Begleiter der Lohnabhängigen geworden, und die Sorge vorm Konkurs zehrt an den Nerven vieler Selbständiger, was unter anderem dazu führt, dass sich die Menschen auch dann noch zur Arbeit schleppen8, wenn sie krank sind.

Arbeit, so wie sie heute organsiert ist, verschlingt also jede Menge an persönlichen Ressourcen. Und an Lebenszeit. Es ist daher auch mal eine Überlegung wert, welcher Mittel und welches Aufwandes es eigentlich bedarf, damit die Menschen den Anforderungen in ihrem Arbeitsalltag gerecht werden können. Wenn keine Zeit mehr bleibt, sich um ein Kind zu kümmern, selbst etwas zu kochen, mit dem Hund spazieren zu gehen oder sich mit Freunden zu treffen … Wenn die Beschaffung eines Gebrauchsgegenstandes übers Internet soviel kräfte- und zeitsparender ist als der Gang in ein Geschäft … Wenn nach getaner Arbeit nur noch die Berieselung durch Technik drin ist statt dem Ausdruckgeben eigener Lebenslust, Energie und Kreativität … Und wenn die reale Welt so banal und frustrierend ist, dass nur mehr die Flucht in die von Computerspielen offerierten Welten Befriedigung verspricht …

Nun, aus dem chronischen Zeit- und Energiedefizit, aus dem Frust und der Suche nach Entspannung Kapital zu schlagen gehört zu den größten Erfolgsstories im Kapitalismus. Ganz gleich, ob es um die vielen elektrischen Helferlein im Haushalt geht, um Unterhaltungselektronik, Fertiggerichte und Lieferdienste, um die Individualmobilität, Kommunikationsgeräte, Psychopharmaka oder die gigantische Tourismusbranche …  – sie alle profitieren von der Zeitnot des in marktwirtschaftliche Mechanismen eingebundenen Individuums und seinem Defizit an Entspannung und freundlichem Miteinander. Weidlich genutzt wird das Ganze auch insofern, als das rasche Ableben der Geräte infolge von eingebauten Sollbruchstellen zumeist hingenommen wird, wovon vor allem die Elektronik- und Elektrobranche erheblich profitiert.

Die aufgeführten Betrachtungen sind deshalb so aufschlussreich, weil mit ihnen klar wird, wieviel menschliche Ressourcen das kapitalistische Produktionssystem bindet und wieviel materielle es verschleißt. Und auch,  welche ungeheuren Kapazitäten mit seiner Überwindung potentiell frei werden. Das soll nicht heißen, dass nicht jedes Gesellschaftssystem zu seiner Aufrechterhaltung notwendig Kräfte bindet – selbstverständlich tut es das. Doch in welchem Ausmaß es dies tut und in welchem Verhältnis der Input von materiellen und menschlichen Ressourcen zum Output an dem besteht, was für ein gutes Leben – und zwar für jeden – vonnöten ist, ist der Überprüfung wert.

In Globale Alternative wird es möglich sein, genau dies herauszufinden.

In seinem Produktionssystem, das allein den Bedarf an materiellen und geistigen Gütern (siehe Poolökonomie) und dessen Deckung nach ökologisch-logistischen Kriterien zum Leitindex der Produktion macht, spielt das oben beschriebene, extensive und völlig aus den Fugen geratene Wirtschaften keine Rolle mehr.

Folglich wird es möglich sein, zu berechnen, um wieviel der Ausstoß von Treibhausgasen reduziert wird, in welchem Ausmaß sich die Fischbestände erholen, Süßwasserreservoire gesichert werden können, sich natürliche Lebensräume wieder ausdehnen, der Verlust an Arten gestoppt werden kann und Böden zur Erzeugung von Nahrungsmittel zurückgewonnen werden können. Ersichtlich wird weiterhin werden, welcher Wandel sich im Verkehrs- und Transportwesen vollzieht, wie sich lokal die Wohn- und Lebensbedingungen der Menschen verändern, wie anders das Lernen gestaltet werden kann, und vor allem: welche Freiräume sich auftun für jeden Einzelnen und welche Qualitäten das Miteinander gewinnt.

Auch wird sich zeigen, was eine Umstellung des derzeitigen Staatengefüges zugunsten einer Welthegemonie an zutiefst förderlichen Veränderungen mit sich brächte.

Vor allem aber werden die politischen Themen, die in unserer Welt eine so dramatische und bedrohliche Rolle spielen, wie Kriege, Handelskriege, Wirtschaftskrisen, Wirtschaftssanktionen, Aufrüstung, Bürgerkriege, Flucht etc.  schlicht ihrer Daseinsgrundlagen beraubt.


Fußnoten

1 Besitz im Sinne der Nutznießung der im Alltag benötigten und für den Erhalt der Gesundheit, der Privatsphäre und der geistigen Interessen wichtigen materiellen Güter wird als Grundvoraussetzung für die gedeihliche Entwicklung jedes Einzelnen erachtet.

2 ‚Länder‘ bzw. ihre Bezeichnungen dienen nur mehr der geographischen Zuordnung; möglich, dass im Laufe der Spielentwicklung auch hierzu neue Ideen entstehen und sich alle auf eine davon einigen.

3 Der Einsatz von Künstlicher Intelligenz in der militärischen Gefahrenabwehr spielt dabei noch eine zusätzliche Rolle – siehe auch www.atomkrieg-aus-versehen.de

4 Wolfgang Möhl, Theo Wentzke: Das Geld; GegenStandpunkt Verlag

5 Dass mit ihm auch in geradezu obszöner Weise spekuliert und gewettet wird, ist nur die Spitze des Eisbergs – allerdings eine üble Spitze, denn sie sorgt dafür, dass es einen aufsehenerregenden Reichtum gibt, der materiell nicht abgedeckt ist, dessen Eigentümer aber jederzeit materielle Güter dafür einfordern können.

6 13,4 Millionen Deutschen leben unter der Armutsgrenze leben, ihre Möglichkeiten der Existenzgestaltung sind  eng gesteckt

7 In einem Industrieland wie den USA konnte und kann dies harsche Konsequenzen zeitigen, denn wie immer es einem finanziell ergeht: es ist dies die Konsequenz des eigenen Handelns. Leistung steht an oberster Stell; dass zum Erbringen selbiger erst einmal die Voraussetzungen geschaffen werden müssen, steht nicht zur Debatte. Bis heute gibt es keine vernünftigen staatlichen Sozialhilfestrukturen in den USA, Hilfe wird vielmehr zur Wohltätergeste der Reichen.

8 In Deutschland trifft das laut einer Studie der Techniker Krankenkasse aus dem Jahr 2021 auf die Hälfte aller Arbeitnehmer zu.

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