Narrativ

Vorweg: In dem investigativ-interaktiven Spiel Globale Alternative geht es zuvorderst darum, auf der Grundlage von 12 Spielregeln ein funktionierendes alternatives Gesellschaftssystem zu entwickeln und vorstellbar werden zu lassen. Die Probleme, die es in dem Spiel zu lösen gilt, sind also die einer fiktiven, aber gleichzeitig real möglichen Welt. Wir nennen sie einstweilen schlicht ‚Neue Welt‘.

Dieses Narrativ soll den Brückenschlag zur Neuen Welt erleichtern. In Teil I wird beschrieben, wie es zum Wandel bzw. Systemwechsel kam. In Teil II (derzeit noch in Arbeit) tauchen wir mit den Protagonisten Clara und Toni ein in die Neue Welt, wie sie sich im Sommer 2028 den Mitspielern darstellt.

Bei alledem ist von besonderem Reiz, dass die im Spiel vorgestellte Neue Welt nicht in einer weit entfernten Zukunft oder gar auf einem anderen Planeten liegt oder überhaupt völlig unrealistisch-fiktiv ist, sondern unsere gegenwärtige Welt in wenigen Jahren ablöst. Die Mitspieler können also einen direkten Vergleich zwischen den Systemen ziehen, ihre sie im Spiel vertretenden Protagonisten können sich noch sehr gut an die Alte Welt ‚erinnern‘. Dass dabei Fragen zum eigentlichen Systemwechsel und den mit ihm notwendig einhergegangenen Problemen auftauchen, liegt auf der Hand.

Tatsächlich sind diese Probleme indessen nur dann für die Mitspieler von Globale Alternative ein Thema, wenn sie auch fast ein Jahr nach dem Systemwechsel noch eine Rolle spielen. Der Wechsel selbst ist indessen vollzogen, und die vordringlichste Aufgabe der Mitspieler besteht darin, das Miteinander und die Versorgung in der Neuen Welt so zu organisieren, dass diese zu einem funktionierenden Ganzen wird.

Narrativ – Teil I

Wir schreiben das Jahr 2027.

Die Klimaerwärmung und die mit ihr einhergehenden Wetterturbulenzen setzen allem Leben auf der Erde bereits stark zu. Wie in einem dynamischen Wirbel verknüpfen sich die Effekte des Raubbaus an den natürlichen Ressourcen der Erde mit denen der Verbrennung von fossilen Energieträgern und lassen erstmals erahnen, dass die Welt, so wie sie sich den Menschen über ihre gesamte Entwicklungsgeschichte hinweg präsentierte, endgültig auf der Kippe steht.

Ein Weiter-wie-bisher ist schlicht ausgeschlossen.

Wachstum gibt es in keinem der Volkswirtschaften mehr, dafür umso üppiger auf dem Markt der Probleme und Katastrophen. Die Flüchtlingsströme schwellen täglich an, Finanzkrisen beuteln die Nationen, es toben Bürgerkriege auch in Ländern, in denen dies noch wenige Jahre zuvor unvorstellbar erschien. Es werden wieder Kriege um Wasser und Nahrungsmittelressourcen geführt.

Die Steinzeit lässt grüßen.

Gar nicht steinzeitlich ist indessen der Einsatz von Cyberwaffen und vor allem der unmittelbar drohende von Nuklearwaffen.

Tatsächlich ist es dann auch die Kernspaltung, die das Fass zum Überlaufen bringt, allerdings die friedlich genutzte. Im Januar 2027 ereignet sich an der Westküste der USA ein Supergau, der große Teile des bis dahin dicht besiedelten und industrialisierten Gebietes unbewohnbar macht. Das Ereignis verpasst der ohnehin ins Wanken geratenen Supermacht einen weiteren Schlag. Seltsamerweise ist es dieser Unfall, der weltweit die Stimmung der Menschen noch vor den Fischbeständen kippen lässt, so dass die legendären Jugendbewegungen ‚Fridays for Future‘, ‚Ende Gelände‘ und ‚Extinction Rebellion‘, die sich 2020 vehement radikalisiert hatten und daraufhin von allen Staaten in seltener Einmütigkeit niedergeschlagen worden waren, erneut aufflammen und weltweit Menschen in Milliarden auf die Straße treiben.

Das ist eine neue Dimension, sowohl zahlenmäßig als auch dem Inhalt der Forderungen nach. Ohne Wenn und Aber richtet sich die Kritik gegen das weltweit agierende Wirtschaftssystem und den blinden Fortschrittsglauben seiner Vertreter. Die Versprechen der Industrieländer, mittels marktwirtschaftlicher Mechanismen die Probleme lösen zu können, werden als bösartige Augenwischerei angeprangert.

Schließlich kommt es zu einer koordiniert-globalen Streikwelle, die die Wirtschaft abrupt in die Knie zwingt.

Wie konnte es soweit kommen?

Wissenschaftler aus verschiedenen Disziplinen versuchen, eine Antwort auf diese Frage zu finden. Ihre Analysen ergeben, dass mit der Einführung von Zahlungsmitteln der Beginn einer Entwicklung einsetzte, die zur Geld- und Profitwirtschaft führte und damit zu einem Finanzsystem, in dem die ungeheuren Auswüchse zur Ausbeutung menschlicher Arbeits- und Schaffenskraft, zu hemmungslosem Profitstreben und zur systematischen Zerstörung der natürlichen Grundlagen angelegt waren. Die dem kapitalistischen System immanente Logik verhindere indessen jegliche Reform des Systems, da jede Veränderung das System als Ganzes akut gefährde. Mit anderen Worten: Der Kapitalismus sei reformresistent.

Obgleich es an Kritik an diesem Befund nicht mangelt und die Festlegung auf die kapitalistische Ökonomie als reduktionistisch bezeichnet wird, findet in Fachkreisen doch breite Anerkennung, was als ‚problematische Auswirkungen monetären Wirtschaftens‘ kurzgefasst werden könnte. Selbst das einfachste und unschuldigste Tauschäquivalent berge in sich alle Anlagen zu Akkumulation, Spekulation und individueller Bereicherung, heißt es nun folgerichtig. Die von der Volkswirtschaft stets ins Feld geführte Unverzichtbarkeit des Geldes als Regulativ von Angebot und Nachfrage sei überdies erstmals hinfällig. Grund: mittels der Möglichkeiten der IT ließe sich das Wirtschaften völlig neu und so organisieren, dass weltweit eine vernünftige und auf den Bedarf abgestimmte Produktion realisierbar werde. Außerdem könnten mit ihr wesentlich effektiver Projekte von globalem Interesse koordiniert und durchgeführt werden, da dem weder nationale noch Konzerninteressen, weder Monopole noch Patente mehr entgegenstünden. Anbaumethoden, Wasserschutz und -nutzung, Rückgewinnung von Böden, Wiederaufforstung, der Umgang mit fossilen Energiequellen und Rohstoffen und der mit wissenschaftlichen Erkenntnissen seien da zum Beispiel zu nennen, aber auch der Aufbau eines nachhaltig betriebenen Verkehrs- und Telekommunikationsnetzes.

2027 ist also nun das Jahr, in dem sich endgültig und drastisch auch das Ende jener Welt abzuzeichnen beginnt, die einst ewigen Wachstum, Wohlstand und Freiheit versprach. Ein Gipfeltreffen in Sidney, Australien – eine der vielen küstennahen Großstädte, die bereits vom steigenden Meeresspiegel akut bedroht sind –, zu dem im Juli 2027 sowohl die Repräsentanten aller Nationen als auch Wissenschaftler aus der ganzen Welt geladen sind, gerät zu einer dreimonatigen Krisensitzung. Während die Menschen auf der nördlichen Halbkugel unter einem extrem heißen Sommer mit zahlreichen Todesopfern leiden, in Kanada, Russland und Südeuropa gigantische Waldbrände wüten und ein Taifun Taiwan verwüstet, ringen sich die Beteiligten in einem geradezu heroisch-verzweifelten Akt zu der Einsicht durch, dass einzig der Übergang in eine eigentums- und herrschaftsfreie globale Gesellschaft die öko-ökonomische Wende einläuten kann (Verdikt von Sidney im Oktober 2027).

Erstmals seit der industriellen Revolution soll nun die Produktion von Gütern, Technik und Wissen nicht mehr profitorientiert generiert und genutzt werden, sondern allein der Versorgung aller dienen. Hat die Industrialisierung einst die Produktionsverhältnisse revolutioniert und die Marktwirtschaft geschaffen, so soll nun die Kommunikations- und Computertechnik die nächste Revolution hin zur Organisation einer gemeinwohlorientierten Gesellschaft einläuten.

Laut Berechnungen sei diese Neuorganisation nicht nur relativ einfach umzusetzen – überdies könne davon ausgegangen werden, dass eine derartige Produktion erheblich zur Schonung von Natur, Ressourcen sowie menschlicher Arbeitskraft und -zeit führen wird.

Im Verdikt von Sidney werden 12 Regeln festgeschrieben, die grundlegend und zugleich richtungsweisend für den angestrebten Wandel sind:

  • Es gibt kein Geld und kein allgemeingültiges Zahlungsäquivalent 
  • Es gibt Besitz, aber kein Eigentum – auch nicht an geistigen Produkten
  • Es gibt keinerlei politische Strukturen (Staaten, Regierungen, Amtsträger, Gremien etc.), keine  Führungsstrukturen und keine Hierarchien
  • Die Menschen organisieren sich in Allmenden, die wiederum Provinzen, Regionen, Erdteilen und  Kontinenten zugehören; die Zuordnung ist zuvorderst von nominaler Bedeutung
  • Alle wo auch immer geförderten Rohstoffe, hergestellten Produkte und Dienstleistungen werden in einem globalen Poolregister erfasst und können bei Bedarf (und nach logistisch-umweltverträglichen Maßstäben) abgerufen werden
  • Jede Allmende ist bemüht, einen oder mehrere Beiträge zum globalen Pool zu erbringen; es besteht indessen kein Zwang hierzu
  • Die Produktion von Gütern, Informationen, Wissen und Dienstleistungen sowie die   Förderung von Rohstoffen, die in der Regel nur arbeitsteilig zu bewältigen ist, erfolgt in  Projekten, in Absprache mit anderen Projekten und gemäß der Bedarfsanalyse 
  • Alle benötigten Güter und Dienstleistungen sowie technischen und wissenschaftlichen Kenntnisse werden im Pool erfasst
  • Regionale und kulturelle Eigenheiten wie Sprachen, Traditionen, Fertigungstechniken, Religionen etc. werden als wichtige und geschätzte Beiträge zur menschlichen Gesellschaft erachtet               

 Hier noch einige wenige Auszüge aus dem Verdikt: 

Da jedem Menschen einsichtig werden muss, dass er die Natur und die Dinge, die sich mittels ihrer herstellen lassen, für die Dauer seines Lebens nur borgt, wird das Prinzip des Eigentums abgeschafft.

Besitz im Sinne der Nutznießung der im Alltag benötigten und für den Erhalt der Gesundheit, der Privatsphäre und der geistigen Interessen wichtigen materiellen Güter wird indessen als Grundvoraussetzung für die gedeihliche Entwicklung jedes Einzelnen betrachtet. Das Ziel und das natürliche Interesse jeder Gemeinschaft sollte es daher sein, diese Besitztümer zu garantieren.

Der Erhalt der Lebensvoraussetzungen auf dem Planeten hat höchste Priorität und ist das selbstverständliche Ziel jeder Allmende. Dies bedeutet

–   den bewussten und bedachten Umgang mit den Ressourcen

–   den Erhalt oder die Wiederherstellung von natürlichen Lebensräumen und ökointelligent bewirtschafteten Anbaugebieten   

–   die Wiederbelebung der psychischen, sozialen und kognitiven Qualitäten des auf Gemeinschaft,  Kooperation und produktiven Austauschs beruhenden Umgangs miteinander    

Mit der Abschaffung der marktwirtschaftlichen Produktion, in der Verschleiß und Verschwendung Grundlage der Profitmaximierung waren, erhalten der praktische Nutzen der Dinge – ihr Gebrauchswert – sowie deren Langlebigkeit und Funktionalität wieder den ihr gebührenden Status.

Der Übergang aus dem kapitalistischen System in die neue ‚Weltordnung‘ erfordert zunächst nur einige wenige Vorgaben, die einzuhalten sind. Doch trotz zahlreicher Studien und Hochrechnungen ist schwerlich absehbar, wie genau sich die Umstrukturierung vollziehen wird und mit welchen Schwierigkeiten zu rechnen ist.

Behutsamkeit ist das Motto innerhalb der Radikalität des Wandels.

Zu Beginn des Umbaus hat die Bildung von Metaprojekten, welche die Strom- und Netzverbindung aufrechterhalten und dafür sorgen, dass die globale Kommunikation funktioniert, höchste Priorität.

Zur Organisation der Produktion, Distribution und der Aufrechterhaltung der Infrastruktur werden innerhalb der Allmenden Lokale Projekte (= selbstorganisierte, hierarchiefreie Gruppen mit einer maximalen Größe von 200 Menschen) gebildet. Ihre Aufgabe ist es, die Gegebenheiten vor Ort – wozu sowohl die geographisch-klimatischen gehören als auch bisherige Produktionsstätten und -verfahren – zu nutzen, um Beiträge zum Pool zu leisten. Der Umbau zu einer ökologisch-nachhaltigen Produktionsweise ist dabei im Interesse jedes Lokalen Projekts und jeder Allmende. 

Es gehört zu den Aufgaben einer Allmende, die örtlichen Gegebenheiten daraufhin zu überprüfen, ob sie sich zur Initiierung eines neuen Lokalen Projekts eignet.

Alle Produkte – worunter auch Dienstleistungen, Forschungsergebnisse und Kulturgüter zählen – werden als Beiträge dem globalen Pool zugeführt.

Jede Allmende sorgt über ihre Lokalen Projekte dafür, Beiträge zum Pool zu leisten, und überdies muss sie für den Erhalt oder Ausbau der eigenen Infrastruktur Sorge tragen. In gebietsübergreifenden Metaprojekten schließen sich wiederum Menschen zusammen, die z.B. das Transport- und Kommunikationswesen aufrechterhalten, wissenschaftliche Projekte, Analysen und globale Studien durchführen, etc.

Prinzipiell hat JEDE Allmende Zugriff auf den globalen Pool, auch wenn es ihr nicht gelingen sollte, eigene Beiträge zu leisten. Es wird davon ausgegangen, dass Beitragslosigkeit stets ernsthafte Gründe hat – wie etwa Naturkatastrophen – und Deprivation einer Lösung der lokalen Probleme lediglich entgegensteht.

Anzustreben ist der volle Zugang zu Bildung, Kulturgütern und technischen Entwicklungen.

Der konsequente Zugang zu Bildung und ‚Weltwissen‘ lässt erwarten, dass die Populationen zahlenmäßig stabil bleiben und ein großes Interesse daran herrscht, die damit leichter zu erreichende Homöostase mit der Natur und in den Gesellschaften zu erhalten.

So die Auszüge aus dem umfangreichen Verdikt. Was es an dieser Stelle noch zu erwähnen gilt, ist die Tatsache, dass der Wandel 2027 mit maximalen Unbehagen eingeleitet wird. Wie sollte es auch anders sein, ist doch völlig unabsehbar, wie sich die Dinge weiterentwickeln. Was passiert, wenn plötzlich ALLES anders ist, wirklich absolut keine der Jahrhunderte alten Spielregeln mehr gilt, jegliche Herrschaft und Führung wegfällt, ja nicht mal mehr die Konkurrenz zwischen Nationen existiert. Ist nicht schlicht ein heilloses Chaos zu erwarten?

Demnächst folgt Teil II:

Globale Alternative – eine neue Zeit beginnt