Zur (Ohn)Macht der Konsumenten

Wie die Sehnsucht nach einer heilen Konsumwelt verhindert die Welt zu verbessern

Wer im Jahr 2019 Augen und Ohren offen hält für das, was so in der Welt geschieht, dem oder der dürfte es zunehmend schwerfallen, sich noch vollends genüsslich in ihr einzurichten.

Nicht nur wird der Blick auf die Zukunft dadurch verdunkelt, dass der Klimawandel mit Macht heraufzieht und bereits jetzt die Lebensgrundlagen von zig Millionen Menschen zerstört[1] – nein, selbst das ganz normale Treiben auf dem Planeten reicht schon aus, konsequent die Grundlagen allen gedeihlichen Lebens zu zerstören. Der ständig wachsende Bedarf an Bodenschätzen (unter anderem, das sollte nicht vergessen werden, auch zur Herstellung der Batterien und Akkus, die gerade als Klimaretter propagiert werden, sowie des Urans, mit dem die neuaufgelegte nächste AKW-Generation gefüttert werden muss) und fossilen Brennstoffen, aber auch an Soja, Palmöl, Mais, Baumwolle und Holz sorgt dafür, dass täglich gigantische Flächen inklusive noch intakter Ökosysteme systematisch zerstört werden, mit Effekten, die letztlich den gesamten Globus betreffen, wie sich wohl am deutlichsten eben am Klimawandel, aber auch am Artensterben ablesen lässt.

Ihren ganz eigenen Anteil zu diesem Effekt leisten die industrialisierte Landwirtschaft und Fischerei, die Versiegelung fruchtbarer Böden durch Straßenbau und Architektur und ein Transportwesen, das exorbitante Züge angenommen hat. Als großartiges Damoklesschwert, das regelmäßig von der Decke fällt, ergänzen Kriege und Nukleardesaster das Angebot an Zerstörungsmitteln.

Dass das Unwohlsein an dieser Welt nun auch in den Ländern wächst, denen ‚Wohlstand‘ nachgesagt wird, zeigt sich u.a. darin, dass genau in ihnen der Ruf nach bewusstem Konsum immer lauter wird. Von den Medien kräftig unterstützt, nimmt sich der Konsument selbst in die Pflicht und meint, mittels seiner Kaufentscheidung die Welt retten zu können oder doch zumindest zu verbessern. Das heißt: Er soll/will die Erzeuger, Unternehmer und Konzerne dazu zwingen, umweltfreundlicher zu produzieren und am besten auch weniger, denn es ist ja der Überfluss an allem, der zusätzlich eine Menge Probleme macht – sei es der an Plastik, Pharmaka, Aluverpackung, Dünger, Pestizide, Autos, Flugzeuge und weiß der Henker was noch.

Tatsächlich gibt es kaum mehr ein Produkt, dem der umweltbewusste Konsument aus vollem Herzen zusprechen könnte. Selbst die Milch aus dem Bioladen steckt in einem Tetrapak mit Plastikverschluss, für die in Spanien angebauten Bio-Gemüse werden die Grundwasserreserven ruiniert und auf den Bio-Tomaten und -Kartoffelplantagen Marokkos die Tagelöhner mit Hungerlöhnen abgespeist. Beim Kauf von Palmöl- und Sojaprodukten wird es noch schwieriger, denn für deren Anbau werden täglich quadratkilometerweise tropische Wälder abgeholzt, die doch wiederum eines der wichtigsten Puzzleteil im Schutz des Klimas sind. Wer beim Möbelkauf auf zertifizierte Hölzer achtet, tut gut daran, nicht weiter nachzuforschen, sonst vergeht ihm schnell die Freude am neuen Möbelstück, von der Recherche nach dem Klamottenkauf gar nicht erst zu reden … – zum Verrücktwerden! Nicht mal beim Fair-Trade-Kaffee kann man sich darauf verlassen, dass der erhöhte Preis, den der Kunde zu zahlen bereit ist, auch tatsächlich denjenigen zukommt, die den Kaffee anbauen, pflegen und ernten. Wirklich sicher ist stets nur der Profit der Produzenten der am Handel beteiligten Geschäftswelt, inklusive der Banken.

Was für ein Jammer.

Aber sollte es nicht recht eigentlich um eben das Wohl des Menschen gehen … ?

Nun, den Volkswirtschaftsmythen zufolge sorgt das Wirtschaftssystem sozusagen ganz automatisch für dieses Wohl. Denn im Kapitalismus wird unendlich viel produziert, um die Bedürfnisse des Menschen zu decken.

Untersuchen wir diesen Satz etwas genauer.

Wird tatsächlich so vieles produziert, um die Bedürfnisse zu decken?

Da kann schon mal ganz klar gesagt werden: Nein!

Kein Unternehmer, kein Konzern und erst recht nicht der kleine mittelständische Produzent kann es sich leisten, die Bedarfsdeckung seiner Käufer im Blick zu haben. Was er im Blick haben muss, ist deren kaufkräftiger Bedarf. Weswegen an jeder Ware ein Preisschild hängt, das besagt: „Käuflich! – jedenfalls wenn du bereit bist, soundsoviel dafür zu zahlen.“

Und nicht: „Bitte, bediene dich und erfreue dich an seiner Nützlichkeit!“ Nein, so ist das nicht gedacht mit den Gebrauchsgegenständen, die nun Waren sind.

Der praktische Nutzen und die Freude, welche Schokolade, die Kaffeemaschine, das Heimkino oder die exotische Pflanze verschaffen können, sind für deren Produzenten sekundär und haben nur eine Funktion: das Kaufinteresse von Frau, Mann, Kind zu wecken und deren Kaufkraft in klingende Münze umzusetzenbzw. in schwarze Zahlen auf dem Konto. Und zwar unter allen Umständen, denn der Gewinn ist die Voraussetzung dafür, mehr Gewinn zu machen. Gelingt das – zumal im Konkurrieren gegen andere Anbieter – nicht, muss Insolvenz oder Bankrott angemeldet werden.

Das Getriebe der Marktwirtschaft zermalmt alles und jeden, der nicht darin mithält.[2]

Und dieses eherne Gesetz gilt sowohl für die Produzenten von Plastiktüten als auch die von Biogurken. 

Da verwundert es wenig, dass wir alle von morgens bis abends mit Werbung berieselt werden, die  die Kaufkraft des Kunden lenken soll, und zwar jeweils in die Kasse der werbenden Firma.  

Zurück zu unserem Satz: Im Kapitalismus wird unendlich viel produziert, um die Bedürfnisse des Menschen zu decken.

Und in der Tat, es gibt eine Menge. Zu viel, sagen jetzt viele. Der Überfluss hat allerdings leider ganz und gar nicht zur Folge, dass es keine Armut mehr gäbe in dieser Welt – ganz im Gegenteil: es gibt sie überall, auch im ‚reichen‘ Deutschland, und sie ist kräftig am Steigen. Und doch müssen selbst die obdachlose Frau und der Hartz4-Empfänger ebenso in die Tasche greifen wie jeder andere auch, will er oder sie etwas erwerben.[3] Diese Menschen stehen einem sagenhaften Warenreichtum gegenüber, von dem sie allerdings mangels Kaufkraft praktisch ausgeschlossen sind. Gleichwohl ist das wenige, was ihre Taschen an ‚Kohle‘ noch hergeben, ist selbst dieses wenige an Kaufkraft für das Fortbestehen der Wirtschaft ein wichtiger Faktor, und so wird auch der Billigklamotten- und Billigshampoo-Kunde noch heftig umworben.    

Unser Wirtschaftssystem ist auf den Konsum angewiesen, und zwar den wachsenden. Es geht darum, aus Geld mehr Geld zu machen, schlimmer: machen zu müssen, sonst läuft gar nichts. Jede Stagnation in diesem Prozess lässt das System wackeln, und zwar so bedrohlich, dass notfalls der Staat eingreift – etwa mithilfe von Steuererleichterungen für Unternehmen oder mit Gesetzen, die massenweise prekäre Arbeitsverhältnisse erlauben (derzeit ist jeder vierte in Deutschland in einem solchen). Mit beiden lässt sich die Bilanz retten, bleiben dem Land Firmen erhalten, die andernfalls in Billiglohnländer umsiedeln würden, kann günstiger produziert werden, sodass die Produkte einen besseren Stand auf dem Markt haben. Die Spanne zwischen Firmenkosten und Verkaufsertrag muss möglichst groß sein, wobei der Lohnkostenfaktor der entscheidende ist. Auf den kleinsten Nenner gebracht heißt dies: die Löhne derer, die die Produkte schaffen, müssen möglichst niedrig sein, und der Kunde muss kaufen, kaufen, kaufen …

Um den Menschen und sein Wohl geht es also wahrlich nicht – weder das des Arbeitnehmers noch das des Konsumenten. Und dennoch: Warum sollte es nicht möglich sein, die Produzenten mittels unseres Kaufverhaltens dahingehend zu manipulieren, dass diese ökologischer produzieren und bessere Waren auf den Markt bringen?

Selbstverständlich ist es möglich, natur- und menschenfreundlich zu produzieren, das ja.

Unter dem Diktum des wirtschaftlichen Wachstums und einer florierenden kapitalistischen Produktion ist dies allerdings ausgeschlossen.

Denn in einer Wirtschaft, die auf Wachstum angewiesen ist, herrschen nicht Vernunft und Wohlwollen, sondern es herrscht das Diktum der Geldvermehrung (wie bereits ausgeführt). Was immer produziert, gehandelt und gequandelt wird, muss sich dem unterwerfen. Auch Recycling wird nur durchgeführt, wenn sich damit verdienen lässt, und Entwicklungshilfe nur geleistet, wenn sich damit Märkte erschließen lassen … – um zwei bezeichnende Beispiel zu nennen.

Da liegt also der erste Irrglauben des Konsumenten: Nicht für ihn wird produziert, sondern für den Gewinn. Die Ware, mit der ein Bedürfnis gedeckt wird, ist nicht der Zweck der Produktion, sondern das Mittel, um Bedürfnis in Geld zu verwandeln.

Der zweite Irrglauben liegt in der Sache selbst. So meint der Konsument, er könne mit seiner Kaufentscheidung einen Beitrag zum Wohlergehen der kleinen Erzeuger beitragen. Tatsächlich aber bewegt er sich in einem ausweglosen Kreis. Beispiel: Ich boykottiere Lindt-Schokolade und kaufe die aus ‚Fair-Trade‘ im EineWeltLaden im Vertrauen darauf, dass das Siegel hält, was es verspricht, und die Bauern, Pflücker und Tagelöhner der Kakaoplantagen in Afrika und Südamerika tatsächlich auch von ihrem Einkommen leben können. Doch bei Recherchen wird schnell klar, dass dem nicht so ist. Von den insgesamt 5,5 Millionen Kakaobäuerinnen und -bauern in Afrika, die in der absoluten Mehrzahl in Armut oder sogar extremer Armut leben, heben sich die bei Fairtrade organisierten nur geringfügig ab. Studien zeigen, wie Johannes Schorling von der Südlink-Redaktion schreibt, „dass sich die gezahlten Prämien und festen Mindestpreise bisher nur geringfügig auf die Einkommenssituation der Kakaobäuerinnen und -bauern auswirken und diese in der Regel nicht der Armut entkommen“ [4] Wo also landet das zusätzlich bezahlte Geld? Nun, bei den üblichen Verdächtigen in der Wertschöpfungskette: Schokoladenhersteller und Einzelhandel im globalen Norden, die beim Schokoladenhandel schon rund 70% an der Wertschöpfung innehaben, sind auch bei Fairtrade die wahren Gewinner. Selbst die Plantagenbesitzer sind in der Regel arme Hunde, sind sie doch komplett vom Weltmarktpreis abhängig. Und der verläuft wie eine Fieberkurve, mal nach oben, mal nach unten.

Dasselbe gilt für den Kaffee. „Fairtrade ist dabei eine Marktnische, mehr nicht“, sagt der Präsident der Kaffeebörse, Daniel Mbithi. [5]

Wir sehen: Das Geschäft mit der Hoffnung auf die Moral im Geschäft floriert. Und es zeigt uns noch eindringlicher die knallharten Spielregeln, mit denen wir es in diesem Wirtschaftssystem zu tun haben. 

Aus dem Beispiel Fairtrade wird auch ersichtlich, was sich so gerne verbirgt: Meiden wir ein Produkt und kaufen stattdessen ein anderes, wird eben letzterem Unternehmen seine Strategie versilbert. Am Prinzip der Wertschöpfung wird indessen nichts verändert, der Weltmarkt funktioniert weiter fröhlich auf Kosten der absoluten Mehrheit der Menschen auf dem Planeten, und kein Konsumentenverhalten der Welt kann tatsächlich daran etwas ändern.

Wie aber verhält es sich beim Boykott eines Produktes, das für schädlich gehalten wird – sagen wir mal Glyphosat? Abgesehen davon, dass kein solcher Boykott in Sichtweite wäre … – auch hier würde sich die Sache nicht viel anders verhalten und rückten dann eben die Produkte anderer Unkrautvernichtungshersteller in den Vordergrund. Denn das Unkraut würde mit dem Boykott ja nicht weniger; logischerweise eher im Gegenteil. Und statt der billigen Unkrautvernichter einen Haufen Leute einzustellen, die das Unkraut handverlesen ausrupfen … – das kann sich kaum jemand leisten, schon gar nicht der Landwirt.

Dem Konsumenten gelingt es also allenfalls, den Teufel mit dem Belzebub auszutreiben. Am Grundübel aber, nämlich der am Wohlergehen von Natur und Mensch komplett verbeigehenden kapitalistischen Produktionsweise – verändert seine vermeintliche Konsumentenmacht nichts.


[1] Laut Handelsblatt vom 02.08.2018 waren im ersten Halbjahr 2017 fast 4 Millionen Menschen aufgrund des Klimawandels auf der Flucht

[2] Was alles nötig ist, um dieses Getriebe aufrechtzuerhalten, wird an anderer Stelle erörtert (siehe …)

[3] Daran kann auch ‚Die Tafel‘ und der ‚Umsonstladen‘ nichts ändern; mittels ihrer lässt sich lediglich ein      Bruchteilsegment ärgster Bedürftigkeit abdecken.

[4] Südlink 181: Wer verdient an der Schokolade?, 25.10.2017

[5] Weltspiegel, 19.01.2014

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